Neu-Ulm, Germany. Ich bin 15. Wir gehen immer in die Nelson-Kaserne um bei den Amis Autos zu waschen. Bringt einen Dollar. Das waren mal 4.- DM damals, viel Geld. Die Soldaten sind gerade mal 3-4 Jahre älter als ich. Die meisten sind hier für ein halbes Jahr stationiert. Viele von Ihnen werden danach nach Vietnam verlegt. Die Soldaten fotographieren fast alles, was ihnen vor die Linse kommt: das Urinal in der Kaserne, Schnappschüsse vom Ulmer Münster, unscharfe Bilder vom Donauufer. Die Soldaten haben Angst.


In Vietnam bekämpfen sie den Komunismus. Man hat ihnen gesagt, daß sie hier ihr Land verteidigen. Die Soldaten sind jung, sie haben Angst und sie erschießen Menschen. Die Vietnamesen haben Angst, sie erschießen Menschen. Ich habe Angst.


Ich spreche mit den Soldaten. Sie weinen manchmal und zittern und sagen, sie werden in den Krieg ziehen, morgen schon, weg aus Neu-ulm Germany direkt nach Vietnam.


Neu-Ulm ist ein kleines, verschlafenens Städtchen. Es liegt am rechten Donauufer, gegenüber liegt Ulm. Dazischen mitten in der Donau die Grenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg. Ulm ist uralt. Die Salzstraße führte hier hindurch, weil eine Furt den Fluß überquerte.


Meine Eltern kommen aus der Tschechoslowakei. Am Ende des zweiten Weltkriegs wurden sie von den Tschechen vertrieben. Die Tschechen hatten Angst, meine Eltern auch. Auf der Flucht erschoß mein Vater einen tschechoslowakischen Grenzer. Meine Eltern zogen nach Neu-Ulm.


Kurz nach meiner Geburt, schob mich meine Mutter mit dem Kinderwagen über die Donaubrücke. Eine Kolonne Panzer fuhr vorbei, dann Militärlastwagen. Auf der Ladefläche standen Soldaten und warfen den Deutschen Melonen herunter. Eine Melone traf den Kinderwagen; sie hätte mich fast erschlagen.


Wir wohnten in der Maximilianstrasse. Vor dem Krieg war hier eine große Kaserne gewesen. Sie wurde im zweiten Weltkrieg völlig zerbombt, man baute Wohnsilos. In Ulm und Neu-ulm gab es viele Kasernen. Die Amerikaner zogen in die Kasernen ein. In Neu-Ulm hießen die jetzt Wiley-Barracks und Nelson-Barracks.


Mit meinen Freunden Reinhold und Gustl und mit meiner Schwester stand ich immer vor der Habu-Eisdiele. Reinhold hatte ein kleines Kofferradio dabei und wir hörten Radio-AFN. Die Amis waren unsere Freunde. In den Nachrichten hörten wir über Vietnam.


Die Vietnamesen hatten Angst. Zuerst die Franzosen, dann die Amerikaner. Am Ende des Krieges waren eine Million Vietnamesen tot, aber auch 50.000 Amerikaner. Der Vater meiner Freundin war im Kreig geflohen. Er hätte sonst zu den Soldaten gemußt. Seine Familie gab ihm das ganze Geld und er floh nach Paris. Dort heiratete er eine deutsche Frau. Sie bekamen eine Tochter: Ngoc Loan.


Im AFN hörte man die Welt. Neu-Ulm war bald zu klein für mich. Irgendwann zog ich nach Berlin. Irgendwann traf ich Ngoc Loan. Wir sind jetzt seit acht Jahren zusammen.



Die Amerikaner, die den Vietnamkrieg überlebt haben, haben kleine Häuser, kleine Familien und in ihren Schubladen kleine, verwackelte Fotos von der Welt. Die Fotos von Neu-Ulm haben sie auf eine Website gepackt.


Als ich neulich Heimweh hatte, habe ich „Neu-Ulm“ in Google eingetippt. Dort fand ich die Fotos. Die Fotos aus Neu-Ulm und die Fotos aus Vietnam.

back to the fish